Warum ist ein Studium der Philosophie nötig?
Ist das Studium der Philosophie eine schwierige Sache?
Was ist Philosophie?
Was ist materialistische Philosophie?
Welches Verhältnis besteht zwischen Materialismus und Marxismus?
Kampagnen der Bourgeoisie gegen den Marxismus
Wir wollen im Verlauf dieser Arbeit die elementaren Prinzipien der materialistischen Philosophie darlegen und erklären.
Warum? Weil der Marxismus eng mit einer Philosophie und einer Methode verbunden ist: der des dialektischen Materialismus. Es ist daher unerlässlich, diese Philosophie und diese Methode zu studieren, um den Marxismus vollständig zu verstehen, die Argumente der bürgerlichen Theorien zu widerlegen und einen effektiven politischen Kampf1 zu führen.
Tatsächlich sagte Lenin: „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.“ (W. I. Lenin, Was tun?, Manifest Verlag, 2022, S. 37.) Das bedeutet erstens: Wir müssen Theorie und Praxis miteinander verbinden.
Was ist Praxis? Es ist der Akt der Verwirklichung. Zum Beispiel setzen Industrie und Landwirtschaft bestimmte Theorien (bestimmte chemische, physikalische oder biologische Theorien) in die Realität um (d.h. verwirklichen sie).
Was ist Theorie? Es ist das Wissen über die Dinge, die wir verwirklichen wollen.
Ein Mensch mag nur praktisch sein – aber dann handelt er routinemäßig. Ein Mensch mag nur theoretisch sein – aber dann ist das, was er sich vorstellt, oft nicht realisierbar. Es ist daher notwendig, dass eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis besteht. Die Frage ist, was diese Theorie sein soll und wie ihre Verbindung mit der Praxis aussehen soll.
Wir meinen, dass der kämpfende Arbeiter eine korrekte Methode des Analysierens und Denkens besitzen muss, um ein korrektes revolutionäres Handeln zu verwirklichen. Wir glauben, dass er eine Methode braucht, die kein Dogma ist, das ihm fertige Lösungen liefert, sondern die vielmehr die Tatsachen und Umstände, die niemals dieselben sind, berücksichtigt und die Theorie nie von der Praxis, das Denken nie vom Leben trennt. Genau diese Methode ist in der Philosophie des dialektischen Materialismus, der Grundlage des Marxismus, enthalten, die wir zu erklären beabsichtigen.
Allgemein wird angenommen, dass das Studium der Philosophie für Arbeiter eine sehr schwierige Sache sei und spezielles Wissen erfordere. Man muss zugeben, dass die Art, wie bürgerliche Handbücher geschrieben sind, diese Idee durchaus bestätigen und Arbeiter entmutigen würde.
Wir versuchen nicht, die Schwierigkeiten zu leugnen, die das Studium im Allgemeinen und die Philosophie im Besonderen mit sich bringt, aber diese Schwierigkeiten sind vollkommen überwindbar, und sie rühren daher, dass es sich für viele unserer Leser um etwas Neues handelt.
Von Anfang an werden wir sie außerdem bitten, die Definitionen von Wörtern zu überprüfen, die in der Umgangssprache verzerrt worden sind.
Gewöhnlich versteht man unter einem Philosophen entweder jemanden, der seinen Kopf in den Wolken trägt, oder jemanden, der immer die gute Seite der Dinge sieht, der sich nicht allzu viele Sorgen macht. Ganz im Gegenteil ist ein Philosoph jedoch jemand, der für bestimmte Fragen präzise Antworten finden will; und wenn wir bedenken, dass die Philosophie versucht, die Probleme des Universums zu erklären (Woher kommt die Welt? Wohin gehen wir? usw.), sehen wir, dass sich der Philosoph folglich mit vielen Dingen befasst und – entgegen dem, was man sagt – sich recht viele Sorgen macht.
Um die Philosophie zu definieren, sagen wir daher: Sie versucht, das Universum und die Natur zu erklären, und sie ist das Studium der allgemeinsten Probleme. Weniger allgemeine Probleme werden von den Wissenschaften untersucht. Die Philosophie ist also eine Erweiterung der Wissenschaften in dem Sinne, dass sie aus den Wissenschaften hervorgeht und von ihnen abhängig ist.
Wir ergänzen schnell, dass die marxistische Philosophie eine Methode zur Lösung aller Probleme bereitstellt und dass diese Methode zu dem gehört, was man Materialismus nennt.
Auch hier besteht eine Verwirrung, die wir schnell anprangern müssen. Allgemein betrachten wir einen Materialisten als jemanden, der nur materielle Genüsse genießen will. Indem man das Wort „Materialismus“, das das Wort „Materie“ enthält, auf diese Weise benutzt, hat man ihm eine völlig falsche Bedeutung gegeben.
Während wir den Materialismus im wissenschaftlichen Sinne des Wortes studieren, werden wir ihm seine wahre Bedeutung zurückgeben. Dass wir Materialisten sind, hindert uns nicht daran, den Materialismus zu untersuchen oder ein Ideal zu haben und für dessen Triumph zu kämpfen.
Die ersten Menschen versuchten, die Natur und die Welt zu erklären, waren aber dazu nicht in der Lage. Die Wissenschaften ermöglichen es uns, die Welt und die Phänomene um uns herum zu erklären; die Entdeckungen jedoch, die den Wissenschaften Fortschritte ermöglicht haben, sind recht jung.
Die Unwissenheit der ersten Menschen war daher ein Hindernis für ihre Suche nach der Wahrheit. Deshalb sehen wir im Laufe der Geschichte aufgrund dieser Unwissenheit Religionen entstehen, die ebenfalls versuchen, die Welt zu erklären, aber durch übernatürliche Kräfte. Das ist eine unwissenschaftliche Erklärung. Aber allmählich, während sich die Wissenschaft entwickelt und die Jahrhunderte vergehen, werden die Menschen versuchen, die Welt durch materielle Tatsachen zu erklären, die auf wissenschaftlichen Experimenten beruhen. Aus diesem Wunsch, die Welt durch die Wissenschaften zu erklären, entsteht die materialistische Philosophie.
In den folgenden Seiten werden wir untersuchen, was Materialismus ist, aber von jetzt an müssen wir uns merken, dass Materialismus nichts anderes ist als die wissenschaftliche Erklärung des Universums.
Während wir die Geschichte der materialistischen Philosophie studieren, werden wir sehen, wie schwierig der Kampf gegen die Unwissenheit war. Wir müssen außerdem feststellen, dass dieser Kampf selbst heute noch nicht beendet ist, da Materialismus und Unwissenheit weiterhin nebeneinander bestehen.
Im Herzen dieses Kampfes griffen Marx und Engels ein. Indem sie die Bedeutung der großen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts verstanden, ermöglichten sie der materialistischen Philosophie enorme Fortschritte in der wissenschaftlichen Erklärung des Universums. Auf diese Weise wurde der dialektische Materialismus geboren. Sie waren die ersten, die erkannten, dass die Gesetze, die die Welt regieren, auch den Fortschritt der Gesellschaften erklären können. So formulierten sie die berühmte Theorie des historischen Materialismus.
In dieser Arbeit wollen wir zuerst den Materialismus, dann den dialektischen Materialismus und schließlich den historischen Materialismus studieren. Aber zuerst möchten wir das Verhältnis zwischen Materialismus und Marxismus darlegen.
Dies lässt sich wie folgt zusammenfassen:
Die Philosophie des Materialismus bildet die Grundlage des Marxismus. (W. I. Lenin, „Die drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“, Ausgewählte Werke, Bd. I, International Publishers, 1971, S. 21.)
Diese materialistische Philosophie, die eine wissenschaftliche Erklärung für die Probleme der Welt zu liefern sucht, schreitet im Laufe der Geschichte gleichzeitig mit den Wissenschaften voran. Folglich ist der Marxismus aus den Wissenschaften hervorgegangen, stützt sich auf sie und entwickelt sich mit ihnen.
Vor Marx und Engels gab es zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Formen materialistische Philosophien. Aber im 19. Jahrhundert, als die Wissenschaften einen großen Schritt vorwärts machten, erneuerten Marx und Engels diesen alten Materialismus mit Hilfe der modernen Wissenschaft und gaben uns den modernen Materialismus, der dialektischer Materialismus heißt und die Grundlage des Marxismus bildet.
Wir sehen aus diesen wenigen Erklärungen, dass die Philosophie des Materialismus – entgegen dem, was gesagt wird – eine Geschichte hat. Diese Geschichte ist eng mit der der Wissenschaften verbunden. Der Marxismus, der auf dem Materialismus beruht, ist nicht aus dem Kopf eines einzelnen Menschen entsprungen. Er ist das Ergebnis und die Fortsetzung des alten Materialismus, der bereits bei Diderot sehr fortgeschritten war. Der Marxismus ist die Blüte des von den Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts entwickelten Materialismus. Der Marxismus ist eine lebendige Theorie, und um gleich zu zeigen, wie er Probleme betrachtet, nehmen wir ein Beispiel, das jeder kennt: das Problem des Klassenkampfes.
Was denken die Menschen über diese Frage? Einige denken, dass der Kampf um das tägliche Brot nichts mit dem politischen Kampf zu tun habe. Andere denken, dass es ausreichend sei, auf der Straße zu kämpfen, und leugnen die Notwendigkeit der Organisation. Wieder andere behaupten, dass nur der politische Kampf eine Lösung für diese Frage biete.
Für den Marxisten umfasst der Klassenkampf:
Das Problem muss daher gleichzeitig in diesen drei Zusammenhängen betrachtet werden.
So sehen wir, dass alle diese Probleme eng miteinander verbunden sind, und daher kann man keine Entscheidung über irgendeinen Aspekt dieses großen Problems, des Klassenkampfes – zum Beispiel bei einem Streik – treffen, ohne jeden Aspekt des Problems und das Problem als Ganzes zu berücksichtigen.
Daher ist derjenige, der in der Lage ist, in all diesen Bereichen zu kämpfen, derjenige, der die Bewegung am besten anführen kann.
So versteht ein Marxist das Problem des Klassenkampfes. Nun stehen wir im ideologischen Kampf, den wir täglich führen müssen, vor Problemen, die schwer zu lösen sind: der Unsterblichkeit der Seele, der Existenz Gottes, den Ursprüngen der Welt usw. Es ist der dialektische Materialismus, der uns eine Denkmethode geben wird, die es uns erlaubt, all diese Probleme zu lösen und auch all jene Versuche der Verfälschung des Marxismus aufzudecken, die vorgeben, ihn zu vervollständigen oder zu erneuern.
Diese Verfälschungsversuche stützen sich auf recht unterschiedliche Argumente. Manche versuchen, die sozialistischen Autoren der vormarxistischen Zeit (vor Marx) gegen den Marxismus auszuspielen. So sehen wir oft, wie die „Utopisten“ gegen Marx verwendet werden. Andere benutzen Proudhon; wieder andere schöpfen aus den Revisionisten vor 1914 (obwohl sie von Lenin gekonnt widerlegt wurden). Was aber besonders betont werden muss, ist die Kampagne des Schweigens, die die Bourgeoisie gegen den Marxismus unternommen hat. Sie hat alles getan, um zu verhindern, dass die marxistische Form der materialistischen Philosophie bekannt wird. Besonders auffällig in dieser Hinsicht ist die Gesamtheit des philosophischen Unterricht in Frankreich.
An den weiterführenden Schulen wird Philosophie unterrichtet. Aber man könnte diesen gesamten Unterricht durchlaufen, ohne jemals zu erfahren, dass es eine von Marx und Engels ausgearbeitete materialistische Philosophie gibt. Wenn in den Philosophiehandbüchern vom Materialismus gesprochen wird (denn erwähnt werden muss er ja!), werden Marxismus und Materialismus getrennt behandelt. Der Marxismus wird im Allgemeinen nur als eine politische Doktrin dargestellt, und wenn vom historischen Materialismus die Rede ist, wird er nicht in Verbindung mit der Philosophie des Materialismus erwähnt. Schließlich wird der dialektische Materialismus völlig vernachlässigt.
Diese Situation besteht nicht nur in den Grundschulen und Gymnasien: Sie ist genau dieselbe an den Universitäten. Typischerweise kann man in Frankreich ein „Spezialist“ für Philosophie sein, ausgestattet mit den höchsten Diplomen, die französische Universitäten vergeben können, ohne zu wissen, dass der Marxismus eine Philosophie hat, nämlich den Materialismus, und ohne zu wissen, dass der traditionelle Materialismus eine moderne Form hat, nämlich den Marxismus oder den dialektischen Materialismus.
Was wir selbst zeigen möchten, ist, dass der Marxismus eine allgemeine Auffassung nicht nur von der Gesellschaft, sondern sogar vom Universum selbst einschließt. Es ist daher unnötig – entgegen dem, was einige behaupten – zu bedauern, dass der große Mangel des Marxismus sein Mangel an Philosophie sei, und zu versuchen, wie es einige „Theoretiker“ der Arbeiterbewegung tun, diese Philosophie, die dem Marxismus angeblich fehlt, zu finden. Denn der Marxismus hat sehr wohl eine Philosophie: den dialektischen Materialismus.
Dennoch wird der Marxismus und seine Philosophie trotz dieser Kampagne des Schweigens, trotz aller Verfälschungen und Vorsichtsmaßnahmen der herrschenden Klassen immer besser bekannt.
Im Englischen wird der Begriff „struggle“ für Kampf verwendet. Dieser kann auch mit „Auseinandersetzung“ übersetzt werden, was treffender wäre, jedoch nicht zu der gängigen marxistischen Terminologie passt. Im Folgenden werden wir also weiter der Begriff Kampf verwenden. Man sollte jedoch im Hinterkopf behalten, dass es sich hierbei nicht zwangsläufig um einen Kampf im Sinne der gewaltsamen Auseinandersetzung handelt. A. d. Ü.↩︎